Die Annaberger Chorbücher und das Musikleben der Reformationszeit

Samstag, 5. Juni 2017, 13.00 – 15.00 Uhr, Zehentstadel am Adlersberg bei Regensburg

13.00 – 13.30 Uhr
Das Musikleben der Reformationszeit
Franz Körndle (Universität Augsburg)

Als sich die Reformation nach 1517 in Deutschland ausbreitete, hatte sich im Bereich der Musik bereits eine andere Entwicklung Bahn gebrochen. Mit der Übertragung der Drucktechnik mit beweglichen Lettern auf die Notenschrift erhielt die Verbreitung der Kompositionen einen enormen Schub. Damit erhielt nicht nur das Repertoire der ständig wachsenden fürstlichen Kantoreien beständigen Zuwachs, sondern eröffnete auch dem Musizieren in privaten Haushalten neue Optionen. Hatte das interessiert und gebildete Bürgertum die Kirchenmusik bereits am Ende des 15. Jahrhunderts unterstützt, wurde es nun zu einer tragen Säule beim Aufbau der Schulkantoreien in den protestantischen Regionen. Zu dieser Verbreiterung Kräfte in der Vokalmusik kamen Verbesserungen bei den Musikinstrumenten, deren Lagen systematisch für den vierstimmigen Satz mit Oberstimme, zwei Mittelstimmen und Bass ausgebaut werden konnten. Neuartige Instrumente wie Regal oder Krummhorn und Dulcian bereicherten das klangliche Spektrum. Der Vortrag will nicht nur die musikalischen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorstellen, sondern auch die Folgen für die Aufführungspraxis diskutieren. Dabei spielen Fragen nach dem Notenmaterial ebenso eine Rolle wie Spieltechniken und Klangideal.

13.30 – 14.00 Uhr
Musizieren aus dem Chorbuch? Bemerkungen zur Aufführungspraxis geistlicher Musik um 1500
Moritz Kelber (Universität Salzburg)

Die Annaberger Chorbücher sind eine wichtige Quelle für Kompositionen aus der Zeit um 1500. Sie überliefern Werke von Heinrich Isaac, Josquin des Prez und von zahlreichen anderen prominenten Musikern der Zeit. Darüber hinaus sind die Chorbücher auch ein Dokument für die Aufführungspraxis jener Epoche. Hof- und Kirchenmusikensembles gruppierten sich meist um ein einziges großformatiges Chor-buch herum. Alle Sänger musizierten aus einem einzigen Kodex. Diese Art zu musizieren weicht beträchtlich von heutigen Gewohnheiten ab. Professionelle Ensembles und Laienchöre singen die Musik jener Zeit in der Regel aus Chorpartituren. Sängerinnen und Sänger haben heute also meist die Möglichkeit, die eigene Stimme im Kontext der anderen Stimmen zu lesen und sich so im polyphonen Gewebe zu koordinieren.

Dieser Vortrag beschreibt verschiedene Formen der vokalen und instrumentalen Ensemblearbeit im ausgehenden Mittelalter und in der beginnenden frühen Neuzeit. Im Fokus stehen Fragen nach den Herausforderungen und den musikpraktischen Auswirkungen, die das Singen aus Chorbüchern mit sich brachte. Wo positionierten sich die Sänger in einem Saal oder einem Kirchenraum? Wie gestaltete sich die Probenarbeit? Wie koordinierten sich die Sänger untereinander?

14.00 – 14.30 Uhr
The Motets of the Annaberger Chorbücher
Paul Kolb (Universität Salzburg)

Comprising part of a once much larger collection of liturgical music, the surviving compositions in the Annaberger Chorbücher are mostly settings of liturgical texts: movements or cycles of the mass ordinary, introits, sequences, alleluias, communions, responsories, hymns, and magnificats. Perhaps surprising in this diverse compositional context is the relative paucity of motets, the texts of which are either not strictly liturgical or potentially more flexible in terms of liturgical use. Wolfgang Steude lists ten of the more than 160 compositions of Mus. 1-D-505 as “Psalmen und Motetten”; Jürgen Kindermann considers only two of the 153 compositions of Mus. 1-D-506 to be motets. This paper will examine these few examples in the context of the manuscripts’ liturgical music as well as early sixteenth-century motet composition in general, considering questions of composition, performance practice, and genre.

14.30 – 15.00 Uhr
Die mehrstimmigen Responsiones in Missa in den Annaberger Chorbüchern – Beispiele einer verbreiteten liturgisch-musikalischen Praxis
Bernhold Schmid (Bayerische Akademie der Wissenschaften)

Die Annaberger Chorbücher enthalten auf ihren ersten Seiten jeweils Zeugnisse einer verbreiteten liturgisch-musikalischen Praxis, die erstmals um 1440 im sogenannten „Mensuralcodex Sankt Emmeram“ (Bayerische Staatsbibliothek, Clm 14274) nachweisbar ist, die aber erheblich älter sein dürfte, nämlich mehrstimmige Antworten des Volkes im Dialog mit dem Priester. Dies ist vor allem zu Beginn der Präfation anzutreffen, wo das Volk dem oder den Zelebranten auf „Dominus vobiscum“ („Der Herr sei mit Euch“) mit „Et cum spiritu tuo“ („Und mit Deinem Geiste“) und auf „Sursum corda“ („Erhebet die Herzen“) mit „Habemus ad Dominum“ („Wir haben sie beim Herrn“) etc. antwortet, aber auch vor dem Evangelium sind mehrstimmige Responsiones gelegentlich überliefert. Die Wurzeln dieser Praxis dürften in der seit dem Mittelalter verbreiteten Tradition mehrstimmiger Lesungen und wohl in Klöstern zu suchen sein.

 

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