Die Annaberger Chorbücher ‒ Ein musikalischer Silberschatz aus dem Erzgebirge

Südlich von Chemnitz, unweit der deutsch-tschechischen Grenze, fast auf direktem Weg nach Karlsbad, liegt die malerische Gemeinde Annaberg-Buchholz. Gegründet wurde Annaberg im Jahr 1496, nachdem der Fund von Silbervorkommen im nahe gelegenen Schreckenberg zu einem massiven Zuzug von Menschen in die Dörfer der Region geführt hatte. Bis zum Jahr 1510 war die Einwohnerzahl des Orts bereits auf 8.000 angestiegen. Zum Vergleich: Die freie Reichsstadt Augsburg hatte als eine der drei größten Städte des Heiligen Römischen Reichs um das Jahr 1500 30.000 Einwohner. So viele Bergleute strömten ins Erzgebirge, dass Annaberg zeitweise zu einer der größten Städte Sachsens anwuchs. Der Name der Stadt geht zurück auf die Heilige Anna, die Mutter der Jungfrau Maria, die unter anderem Schutzpatronin der Bergleute war. In der mittelalterlichen Theologie wurden Christus und Maria nicht selten den Metallen Gold und Silber verglichen. Demnach war die Heilige Anna, die Gebärerin des Silbers, die perfekte Namenspatronin für einen Ort, der seine Existenz dem Silberbergbau verdankte. Noch heute ziert die ‚Erzmacherin‘ Anna das Wappen der Stadt.

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Annaberg im Jahr 1630, Ausschnitt aus einem in Annaberg gedruckten Flugblatt

Annaberg wurde bald auch ein geistliches Zentrum. Am 25. April 1499 begann man mit einer festlichen Grundsteinlegung den Bau der St. Annenkirche, ein Bauwerk mit stattlichen Ausmaßen. Herzog Georg von Sachsen war darum bemüht, Annaberg zu einer Stadt von Rang zu machen. Er ließ die Annenkirche mit einer bedeutenden Reliquien­sammlung ausstatten, die im Jahr 1519 insgesamt 120 Reliquien umfasste. 1501 wurde zudem ein Kloster des Franziskaner­ordens gegründet, dessen einstige Pracht beim Blick auf die heute in der Annenkirche befindliche „Schöne Tür“ greifbar wird. Im gleichen Jahr begann man mit dem Bau der Bergkirche St. Marien, finanziert durch die örtliche Bergknappschaft. Als Teil des Herrschaftsgebiets Herzog Georgs blieben Annaberg und seine geistlichen Institutionen bis zum Tod des Fürsten im Jahr 1539 offiziell katholisch. Da die Stadt direkt an der Grenze zum bereits protestantischen Teil Sachsen lag, pilgerten zahlreiche Bürger der Stadt ins nahegelegen Buchholz, um den protestantischen Gottesdienst zu feiern. Mit Einführung der Reformation verließen die verbliebenen Franziskanermönche Annaberg. Die stattliche Bibliothek des Klosters sowie die Kunstschätze wurden in den Besitz der Stadt und seiner kirchlichen Institutionen überführt.

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Meister H. W. (Hans Witten?), Schöne Tür, 1512, St. Annenkirchen zu Annaberg

Auch der Reichtum des Musiklebens in Annaberg dürfte auf die „besondere Liebe“ Herzog Georgs für die Stadt zurückzuführen sein. Bereits für das Jahr 1508/09 gibt es Belege für die Tätigkeit eines Organisten und ab 1514 ist eine Orgel in der Annenkirche nachweisbar. Bei der Weihe der Kirche im Jahr 1519 spielten die Stadtpfeifer aus Leipzig und im Jahr 1521 soll anlässlich der Aufstellung eines Altars erstmals „figuraliter“ (mehrstimmig) gesungen worden sein. Hauptzeugen für den Reichtum des lokalen Musiklebens sind die beiden erhaltenen Annaberger Chorbücher. Sie stammen aus den Beständen der Bibliothek der Annenkirche und waren einst Teil einer umfangreicheren Musiksammlung, die laut einem Inventar der Bibliothek aus dem Jahr 1670 insgesamt sieben „Cantionalbücher“ umfasste. Der Musikwissenschaftler Wolfgang Steude vermutet, dass die beiden Chorbücher ursprünglich im Umfeld der Hofkapelle des sächsischen Kurfürsten entstanden sein könnten. Wann sie tatsächlich nach Annaberg kamen lässt sich kaum mehr feststellen. Die kursächsische Hofkantorei Friedrichs des Weisen wurde im Jahr 1526 aufgelöst und die Musikbücher könnten im Zuge dessen durch Herzog Georg ins Erzgebirge gelangt sein.

Beide Kodizes stammen aus der Zeit zwischen 1520 und 1530 und enthalten Musik, die der Heiligen Anna gewidmet ist. Dies kann aber wohl kaum als Beleg in der Kontroverse um die Herkunft der Handschriften gelten. Die Heilige wurde in vorreformatorischer Zeit in ganz Sachsen, das seinen damaligen Reichtum nicht in geringem Maße dem Bergbau verdankte, intensiv verehrt. Gleich das erste Alleluja im ersten Band (MS Mus. 1/D/505) ist der heiligen Anna gewidmet. Es handelt sich um eine dreistimmige Komposition, die ausschließlich in dieser Quelle überliefert ist ‒ ein fröhlicher Halleluja-Ruf, der stilistisch der franko-flämischen Schule verpflichtet ist. Der Text lautet: „Anna mater eximia Abrahae filia coeli fulget curia coronata gloria. Alleluia“ (Anna herrliche Mutter, gekrönte Tochter des Abraham strahlt ruhmreich im Himmelssaal. Halleluja). Eine zweite Komposition zu Ehren der Heiligen Anna ist das vierstimmige Sanctae Annae devotus, in dem ein Charakteristikum der Annaberger Chorbücher deutlich wird: Die so genannte Alternatimpraxis. Viele Kompositionen in beiden Chorbüchern wurden von der Orgel und von den Sängern im Wechsel musiziert. Das Chorbuch, das für die Sänger bestimmt war, enthält also nicht die vollständige Vertonung eines Psalms, eines Hymnus oder einer Messe, sondern nur die Teile, die von der Kantorei vorgetragen wurden. Insgesamt umfasst die Handschrift 161 geistliche hauptsächlich lateinischsprachige Kompositionen, darunter acht vollständige Messen, 34 Motetten und fünf Magnificatvertonungen. Nur wenige Stücke sind mit Autorennamen versehen. Bei einigen Kompositionen lässt sich der Komponist durch Zuschreibungen in anderen Quellen ermitteln. Unter den Autoren sind Heinrich Isaac, Josquin des Prez, Heinrich Finck und weitere populäre Musiker der Zeit. Der Großteil der Kompositionen (129) bleibt anonym und es ist davon auszugehen, dass sich hinter dieser Musik mitunter lokale Autoren aus dem mitteldeutschen Raum verbergen.

Das zweite Annaberger Chorbuch, das die Signatur MS Mus. 1/D/506 trägt, unterscheidet sich beträchtlich vom ersten Band. Der Kodex ist mit 287 enthalten Stücken weitaus umfangreicher. Jedoch ist das enthaltene Repertoire deutlich fragmentierter und eine „planvolle Anlage [ist] kaum erkennbar“ (Kindermann 2010): Dominiert wird die Handschrift von Einzelsätzen für verschiedene Abschnitte des kirchenmusikalischen Alltags ‒ geschlossene Zyklen sind eher die Ausnahme. Nur einer Komposition ist der Name des Komponisten beigegeben. Das Terribilis est locus iste (Nr. 5) wird W[olfgang] Reuber zugeschrieben. Einzelne Nummern lassen sich durch den Vergleich mit anderen Quellen Komponisten wie Heinrich Isaac oder Loyset Compère zuweisen. Jürgen Kindermann, der Herausgeber der kritisch-wissenschaftlichen Ausgabe des Kodex, beschreibt das zweite Annaberger Chorbuch als eine „Gebrauchshandschrift“ für den kirchenmusikalischen Alltag. Auch im zweiten Band der Annaberger Chorbücher ist der Großteil der Kompositionen anonym überliefert. Die Musik dürfte, ähnlich wie in der Schwesterhandschrift, im beträchtlichen Maß aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Darauf deuten jedenfalls stilistische Merkmale der Kompositionen hin. So wird der Cantus firmus in vierstimmigen Kompositionen bemerkenswert häufig im Diskant geführt. Zudem gehen die anonymen Autoren sparsam mit Verzierungen um.

Im Jahr 1670 gingen die Musikalien in die Obhut der Annaberger Schulverwaltung über – offenbar bestand kein Interesse mehr an ihrer Benutzung. 1968 erwarb die Sächsische Landesbibliothek in Dresden die Bücher. Hier wurden die Chorbücher restauriert, erschlossen und schließlich auch digitalisiert. Die Annaberger Chorbücher sind einer der größten Schätze, die die Bergbaustadt im Erzgebirge hervorgebracht. Sie sind wertvolle Quellen für die europäische Musik des 16. Jahrhunderts und gleichzeitig Dokument für das reiche Musikleben in einer aufstrebenden Bergbaumetropole. Da eine umfassende Erschließung der Chorbücher keineswegs abgeschlossen ist, dürften für die musikwissenschaftliche Forschung die Grabungsarbeiten in Annaberg noch längere Zeit andauern.

Weiterführende Literatur:

Heinrich Magirius, St. Annen zu Annaberg, 3. Auflage, Regensburg 2013. 

Jürgen Kindermann, Annaberger Chorbuch II : Sächsische Landesbibliothek Mus. 1-D-506 (Ms. 1126), 2 Bände, Wiesbaden u. a. 2010.

Thomas L. Noblitt, „Filiation vis-à-vis its Alternatives: Approaches to Textual Criticism“, in: Datierung und Filiation von Musikhandschriften der Josquin-Zeit, hrsg. von Ludwig Finscher, Wiesbaden 1983, S. 111‒127.

Jürgen Kindermann, „Die doppelten und mehrfachen Textierungen in den Annaberger Chorbüchern“, in: Festschrift Georg von Dadelsen, Neuhausen bei Stuttgart 1978,
S. 179‒188.

Wolfram Steude, Untersuchungen zur mitteldeutschen Musiküberlieferung und Musikpflege im 16. Jahrhundert, Frankfurt u. a. 1978.

Jürgen Kindermann, „Verzeichnis von Konkordanzen zu Kompositionen aus den Annaberger Chorbüchern Ms. 1126 and Ms. 1248“, in: Die Musikforschung 27 (1974), S. 86‒92.

Thomas L. Noblitt, „Manuscript mus. I/D/506 of the Sächsische Landesbibliothek, Dresden („Olim“ Annaberg, Bibliothek der St. Annenkirche, Ms. 1126)“, in: Musica disciplina 28 (1974), S. 81‒127.

Thomas L. Noblitt, „Manuscript Mus. l/D/505 of the Sächsische Landesbibliothek Dresden (olim Annaberg, Bibliothek der St. Annenkirche, Ms. 1248)“, in: Archiv für Musikwissenschaft 30 (1973), S. 275‒310.

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