Das Todesdatum von Michael Praetorius am 15. Februar 1621 liegt knapp drei Jahre nach dem Beginn des dreißigjährigen Krieges, der mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 begonnen hatte. Inwieweit Praetorius selbst noch von den Geschehnissen des Krieges beeinträchtigt wurde, ist bislang nicht bekannt. Ein Blick auf die allgemeinen Auswirkungen des Krieges auf das Musikleben dieser Zeit erscheint insbesondere aufgrund dieser Informationslücke lohnenswert.

Jacques Callot, Der Galgenbaum, 1632.

Auch während des dreißigjährigen Krieges war Musik ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und wurde – anders als man vermuten würde – durch den Krieg insgesamt nicht wesentlich eingeschränkt. Da der dreißigjährige Krieg kein durchgängiger Konflikt, sondern eine Aneinanderreihung von mehreren Auseinandersetzungen war, betrafen die Kriegshandlungen immer wieder unterschiedliche Regionen innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Somit durchlebten einige Städte oder Höfe während des Krieges sogar eine Zeit musikalischen Wachstums, während in anderen Regionen das Musikleben gleichzeitig kriegsbedingt stark eingeschränkt war. An kaum einem Ort kam die Musikkultur vollständig zum Erliegen. Dennoch beeinflusste der Krieg das Musikleben, die Komponisten und somit auch ihre Werke, die sie während des Krieges schrieben (Hortschansky 1998, S. 409–413).

Oftmals waren es die hohen Kosten für eine gut bestellte Hofmusik, die für die Entlassung von Musikern sorgten, wenn Fürsten sich am Krieg beteiligten und daher ihr ganzes Vermögen für die Landsknechtsheere aufopfern mussten. Viele Komponisten konnten ihre Tätigkeit nicht mehr an ihrem ursprünglichen Arbeitsplatz ausübten. Einige Städte wie Frankfurt am Main oder Königsberg profitierten musikalisch davon, dass viele Musiker aus ihren Heimatorten flohen oder sie aufgrund mangelnder Beschäftigung verlassen mussten. So ließ sich etwa der Komponist Johann Jeep (ca. 1581–1644) in Frankfurt nieder. Der Musikwissenschaftler Klaus Hortschansky attestiert der Zeit zwischen den Jahren 1618 und 1648 ein kriegsbedingt großes Maß Mobilität unter Musikern und Komponisten (Hortschansky 1998, S. 412–414).

Vor allem Frankfurt am Main und Nürnberg waren in der Zeit des dreißigjährigen Krieges musikalische Zentren. In Frankfurt, welches vom Krieg nur einmal, nämlich 1634, direkt heimgesucht wurde, trat 1623 der erfahrene Hofkapellmeister Johann Andreas Herbst (1588–1666) als erster die Stelle eines städtischen Musikdirektors an. Damit besaß die Frankfurter Kapelle für viele Jahre einen professionellen Leiter. Herbst war es auch, der 1649 anlässlich des Westfälischen Friedens einen Danckh- und Lobgesang zur Friedensfeier der Stadt komponierte (Hanheide 1998b, S. 453). Durch den Zuzug von Musikern aus Kriegsgebieten konnte die Kapelle im Laufe der Jahre einige Musiker mit herausragenden Fähigkeiten gewinnen. In der freien Reichsstadt Nürnberg wurde das Musikleben durchweg aufrechterhalten, da die Stadt regelmäßig in die Ausbildung neuer Musiker investierte. So bekam der spätere Kantor und Komponist Johann Erasmus Kindermann (1616–1655) eine Reise nach Italien zu musikalischen Ausbildung von der Stadt bezahlt.

Die Komponisten erlebten während des Krieges oft persönliche Schicksalsschläge, was sich  nicht selten auf ihre Kompositionen auswirkte. Der Nürnberger Komponist Johann Staden (1581–1634) verlor etwa durch die Pest einen Großteil seiner Familie. Den Tod seiner Tochter Maria Magaretha verarbeitete er im Jahr 1628 herausgegebenen Druck Hauss-Musik Vierdter und letzter Theil. (vgl. Hortschansky 1998) Kriegsklagen oder Friedensbitten, die überwiegend für den protestantischen Einflussbereich überliefert sind, wurden unter anderem von den populärsten Komponisten der Zeit vertont. Im Laufe des Krieges erschienen rund 70 Kompositionen, die diesen beiden Gattungen zugeordnet werden können. Kriegsklagen wurden häufig in Sammlungen herausgegeben, wie zum Beispiel die Krieges-Angst-Seufzer von Johann Hildebrand von 1645 oder die Musikalischen Friedensseufzer Johann Erasmus Kindermanns aus dem Jahr 1642. Als Textgrundlage verwendete Kindermann Bibelverse wie das Da pacem Domine, welches auch in Kriegsklagen anderer verwendet wurde, etwa bei Heinrich Schütz. Dazu kamen Texte, die sich auf das aktuelle Kriegsgeschehen bezogen. (Hanheide 1998a, S. 443–446) Auffallend oft findet sich in den Kriegsklagen die Auffassung, dass der Krieg eine von Gott gegebene Strafe für begangene Sünden sei und nur Gottes Gnade den Menschen den Frieden wieder geben könne (Braun 1998, S. 417).

Große Verbreitung fanden im dreißigjährigen Krieg so genannte Liedflugblätter. Meist wurden in solchen Pamphleten nur die Texte abgedruckt und angegeben, in welchem „Ton“, das heißt auf welche Melodie das Lied gesungen werden sollte. Oftmals wurden neue Texte, die auf den Krieg, auf Siege oder das Leid Bezug nahmen, zu Propagandazwecken mit populären Melodien verbunden, damit jeder die Möglichkeit hatte, diese Lieder zu singen. Häufig wurden auch die Originaltexte übernommen und auf das aktuelle Kriegsgeschehen angepasst, wie Beispiel das Lied Wilhelm von Nassaun. Mehrfach wurde es auf verschiedene Herrscher und Feldherren des dreißigjährigen Kriegs umgedichtet. Zu den Besungenen zählte der kaiserliche Feldherr Tilly, der dänische König Christian IV. oder der schwedische Königs Gustav Adolfs. (Nehlsen 1998, S. 434 f.)

Simon Eisen

Ausgewählte Literatur zu diesem Thema

Werner Braun, „Krieg und im Frieden im geistlichen Lied“, in: 1648. Krieg und Frieden in Europa, Textband 2, hrsg. von Klaus Bußmann und Heinz Schilling, Münster 1998, S. 417–421.

Stefan Hanheide, „Musikalische Kriegsklagen aus dem dreißigjährigen Krieg“, in: 1648. Krieg und Frieden in Europa, Textband 2, hrsg. von Klaus Bußmann und Heinz Schilling, Münster 1998, S. 439–447. [1998a]

Stefan Hanheide, „Kompositionen zum Westfälischen Frieden“, in: 1648 – Krieg und Frieden in Europa, Textband 2, hrsg. von Klaus Bußmann und Heinz Schilling, Münster 1998, S. 449–457. [1998b]

Klaus Hortschansky, „Musikalischer Alltag im dreißigjährigen Krieg“, in: 1648. Krieg und Frieden in Europa, Textband 2, hrsg. von Klaus Bußmann und Heinz Schilling, Münster 1998, S. 449–457.

Eberhard Nehlsen, „Liedpublizistik des dreißigjährigen Krieges“, in: 1648. Krieg und Frieden in Europa, Textband 2, hrsg. von Klaus Bußmann, Heinz Schilling, Münster 1998, S. 431–437.

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