Michael Praetorius – Aufmerksamer Beobachter oder visionärer Systematiker? (Josef Focht, Musikinstrumentenmuseum Leipzig)
Das Syntagma musicum, dessen erster Band heuer 400 Jahre alt wird, beeindruckt seine Leser bis in die Gegenwart mit seiner verblüffenden Fülle von Erfahrungen, die sein Verfasser als Kapellmeister und Komponist gesammelt haben muss. Sie bezeugen ihn als akustisch erfahrenen Hörer, als performativ versierten Routinier und analytisch denkenden Instrumentenkenner. Welche Schlüsse kann die historische Aufführungspraxis heute daraus ziehen?


Praetorius und Italien oder »Wenn der Komponist nicht nach Italien reist, reist Italien zum Komponisten« (Francesco Pezzi, Universität Augsburg)
Italienische Musikvorbilder spielen im Schaffen des Michael Praetorius eine wesentliche Rolle. Im Gegenteil zu anderen zeitgenössischen Komponisten gelang es ihm jedoch nie, eine Reise nach Italien zu unternehmen, um sich bei den führenden italienischen Meistern der Zeit in dem modernsten musikalischen Stil ausbilden zu lassen. Trotzdem waren um 1600 Musikalien aus Italien regelmäßig auf deutschen Buchmessen zu finden; auch dank der Tätigkeit von Buchhändlern verbreitete sich in dieser Zeit der neue Musikstil nördlich der Alpen. Das Phänomen der Verbreitung italienischer Musik nördlich der Alpen wird im Mittelpunkt dieses Vortrags stehen. Anhand von historischen Quellen wie u. a. Buchmesskatalogen wird erläutert, auf welchen Wegen der Kreuzberger Komponist möglicherweise in Berührung mit der damaligen modernsten Musik kam.


Praetorius in Prag – Eine Reise in die Wunderkammer des Reichs
(Moritz Kelber, Universität Salzburg)
Die Reise des Wolfenbütteler Hofkapellmeister Michael Praetorius nach Prag umranken noch heute zahlreiche Geheimnisse. Fest steht bisher lediglich: Praetorius war in Prag. Er berichtet in seinen theoretischen Schriften detailliert und in höchsten Tönen über Musiker und Musikinstrumente am Hof Kaiser Rudolfs. Als Angestellter des Wolfenbütteler Herzogs Heinrich Julius, dem Vorsitzenden des geheimen Rates des Kaisers, hatte Praetorius wohl Zugang zu den höchsten Zirkeln der Donaustadt. Der Vortrag beleuchtet das Umfeld, in dem sich der Komponist und Tastenvirtuose Praetorius in Prag bewegte, von der Kunst- und Wunderkammer auf dem Hradschin über das reiche Musikleben am Prager Hof bis hin zu den alchemistischen und mystizistischen Bestrebungen rund um den Habsburgerhof.


Michael Praetorius und die alten Orgeln (Franz Körndle, Universität Augsburg)
Im zweiten Band seines Syntagma musicum aus dem Jahr 1619 widmet Michael Praetorius einen sehr großen Abschnitt dem Instrument Orgel, dem Positiv und dem Regal. Ausgehend von diesem Kapitel sollen Aspekte des damaligen Orgelbaus diskutiert und erhaltene Instrumente vorgestellt werden. Ein interessantes Augenmerk ist schließlich darauf zu richten, wie es zu den Unterschieden kam, die in dieser Zeit für die beiden Konfessionen typisch wurden.


Ein Relikt aus dem Mittelalter? Der Gamma-Schlüssel bei Michael Praetorius (Bernhold Schmid, Bayerische Akademie der Wissenschaften)
Im dritten Band seines Syntagma musicum (Wolfenbüttel 1619) verwendet Michael Praetorius mehrmals in verschiedenen Zusammenhängen das griechische Gamma (Γ) als Notenschlüssel, und zwar stets dann, wenn besonders tiefe Töne angezeigt werden sollen. Das Γ als Schlüssel scheint zunächst ungewöhnlich. Ein Blick auf die Musikgeschichte des Mittelalters zeigt jedoch, dass der Γ-Schlüssel insbesondere in der Theorie Zentraleuropas eine lange Tradition hat. In der Praxis hingegen wird das Γ nur ausnahmsweise verwendet.


Praetorius in Regensburg
(Winfried Elsner, Michael Praetorius Collegium e.V. Wolfenbüttel)
Auf dem Reichstag 1603 in Regensburg sind nachweislich Kompositionen von Michael Praetorius erklungen, unter Anwesenheit oder gar Leitung des Komponisten. Wie konnte es sein, dass ein etwa 30-jähriger Kammerorganist aus einem entfernten nördlichen Herzogtum an einer so bedeutenden reichspolitischen Versammlung teilnahm und zudem als Komponist in Erscheinung trat? Praetorius war zu diesem Zeitpunkt weder Hofkapellmeister noch waren Kompositionen von ihm gedruckt.
Anhand von Quellen soll diesen und weiteren Fragen nachgegangen werden. Es wird erwähnt, welche Werke vermutlich in Regensburg aufgeführt worden sind. Die Tatsache, dass in Regensburg und Nürnberg zwei Jahre später die ersten Werksammlungen von Praetorius im Druck erschienen, zeigt die Bedeutung des Regensburger Aufenthalts für den jungen Komponisten. Im Konzert singt das Vokalensemble STIMMWERCK Kompositionen aus diesen Drucken, auf die kurz einzugehen ist. Ergänzt und anschaulich gemacht wird der Vortrag durch Abbildungen wie Titelblätter, Noten und Quelltexte.

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