Unter dem Titel Nürmbergisch Geigenwerck bildet Michael Praetorius im zweiten, der Instrumentenkunde gewidmeten Band seiner Enzyklopädie Syntagma Musicum ein kurioses Tasteninstrument ab und beschreibt seine Funktionsweise (siehe Abb. 1).

Abb. 1: „Geigenwerck“ aus dem Syntagma Musicum (1619/20)

Das Geigenwerk ähnelt zwar äußerlich einem Cembalo, sein Klang aber lässt sich am ehesten mit dem eines Gamben-Consorts vergleichen. Wie der Name erahnen lässt, werden die Saiten tatsächlich gestrichen. Der Spieler tritt beständig ein Pedal, um damit ein großes Rad zum Drehen zu bringen, das durch die Übertragung auf verschiedene Rollen wiederum fünf oder sechs kleine Räder antreibt. Wenn man nun eine Taste drückt, wird die zugehörige Saite an das jeweilige kleine Rad gedrückt und somit angestrichen.

Als Erfinder dieses Instruments ist der Nürnberger Kaufmann Hans Haiden (1536–1613) bekannt. Einen Prototyp baute er schon im Jahr 1575, nahm dann aber über mehrere Jahre hinweg noch einige Veränderungen vor. Dadurch entstanden insgesamt 23 Exemplare, von denen bis heute jedoch keines erhalten ist. Haiden, der neben seinem Hauptberuf auch als Musiker tätig war, fertigte für den damaligen Kaiser Rudolf II. Mechanikmodelle für Kriegsmaschinen. Dadurch lassen sich seine Vorkenntnisse erahnen, die nötig waren, um ein so komplexes Musikinstrument zu entwickeln.

Abb. 2: Drehleier aus dem Syntagma Musicum (1619/20)

Das Prinzip zur Konstruktion eines Tasteninstruments mit gestrichenen Saiten ist von der Drehleier aus dem Syntagma Musicum (1619/20) Drehleier abgeleitet (siehe Abb. 2). Diese liegt beim Spielen schräg auf dem Schoß oder wird mit einem Gurt um die Schultern befestigt im Stehen gespielt. Die rechte Hand dreht eine Kurbel, wodurch ein großes Holzrad angetrieben wird, das als eine Art endloser Streichbogen dient. Die linke Hand spielt die Melodie auf einer Tastatur. Jede Taste ist mit einem kleinen Holzstift versehen, der gegen die Saite gedrückt wird und sie so verkürzt. Anders als beim Geigenwerk ist auf der Drehleier kein Akkordspiel möglich.

Das Geigenwerk (oder allgemeiner Streichklavier) soll die Vorteile dieses und weiterer Streichinstrumente mit denen der zeitgenössischen besaiteten Tasteninstrumente, nämlich dem Cembalo und dem Clavichord, verbinden. Bei einer angeschlagenen Saite ist, anders als bei einer gestrichenen, die Länge des Tons nicht regulierbar. Das Cembalo, bei dem die Saiten mit Federkielen angezupft werden, lässt ebenso wie die Orgel Änderungen der Lautstärke nicht in fließendem Übergang zu. Das Clavichord besitzt zwar die Fähigkeit feine dynamische Abstufungen zu erzeugen, hat aber insgesamt eine zu geringe Lautstärke in großen Räumen und im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten. Die akkordische Begleitung einer Melodie ist jedoch eine Hauptaufgabe von Tasteninstrumenten, bei der eine möglichst flexible Anpassung erwünscht ist. Beim Geigenwerk nun kann sowohl die Tonlänge beeinflusst werden, da die Saite so lange angestrichen wird, wie die Taste niedergedrückt bleibt, als auch eine feine Differenzierung zwischen laut und leise bewirkt werden. Zudem erreicht das Geigenwerk nicht weniger als eine Automatisierung des Streicher-Consorts. Eine einzelne Person sollte dazu in die Lage versetzt werden Streichmusik zu spielen, für die man sonst eine ganze Gruppe von Instrumentalisten gebraucht hätte.

Schon in den Skizzenbüchern von Leonardo da Vinci ist ein bauliches Konzept für ein Streichklavier (dort viola organista genannt) überliefert. Jedoch ist nicht bekannt, dass daraus jemals ein fertiges Instrument entstanden wäre. Hans Haidens Modell scheint jedenfalls den entscheidenen Impuls für die Entwicklung weiterer Streichklaviere in den folgenden Jahrhunderten gegeben zu haben.

Im Musikinstrumentenbau gibt es mehrere Beispiele, bei denen die Funktionsweise eines Instruments als Grundlage zur Entwicklung eines anderen herangezogen wird. Die Klaviatur etwa fand zuerst im Orgelbau Anwendung. Indem man sie auf vorhandene Saiteninstrumente übertrug, entstanden letztlich Cembalo, Clavichord und Klavier. Der Spieler berührt die Saiten dort nicht mehr direkt, sondern reguliert sie über eine Mechanik, die akkordisches und virtuoses Spiel ermöglicht.

Warum hat sich das Geigenwerk nicht als gebräuchliches Tasteninstrument durchgesetzt? Neben einer Änderung des Klangideals spielen auch praktische Gesichtspunkte eine Rolle: Eine komplexe Herstellung und damit verbunden hohe Kosten für die Anschaffung und Reparatur sind in historischen Dokumenten oft benannte Mängel. Dies trifft auch auf das Geigenwerk zu. Die hergestellte Stückzahl war ohnehin gering und der Kundenkreis zudem sehr exklusiv: wenn man sich die Liste der Besitzer von Haidens 23 Geigenwerken ansieht, so fällt auf, dass es sich dabei fast ausschließlich um sehr reiche Bürger und Adelige handelt. Neben dem Kaiser Rudolf II. und einigen Herzögen besaßen etwa auch die Familien Fugger und Medici Geigenwerke von Hans Haiden. Zudem weist der Erfinder selbst darauf hin, dass ein Cembalist oder Organist sich an dieses neue Instrument erst langsam gewöhnen und sich darauf üben muss, um seine Fähigkeiten voll ausschöpfen zu können. Wenn man aber die Mühe auf sich nehme, so war sich Haiden sicher, wolle man nachher viel lieber auf dem Geigenwerk spielen als auf dem Cembalo oder Clavichord.

Katharina Preller

Ausgewählte Literatur zum Thema:

Marianne Bröcker, Die Drehleier. Ihr Bau und ihre Geschichte, Bonn und Bad Godesberg 1977.

Philip James, Early Keyboard Instruments. From their Beginnings to the Year 1820, London 1960.

Georg Kinsky, „Hans Haiden, der Erfinder des Nürnbergischen Geigenwerks“, in: Zeitschrift für Musikwissenschaft, Band 6, 1923/1924,  Leipzig 1924.

John Henry van der Meer, „Gestrichene Saitenklaviere“, in: Basler Jahrbuch für historische Musikpraxis, Band 13, Winterthur 1990, S. 141–181.

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