Michael Praetorius hat sich nicht nur als Komponist und Organist einen Namen gemacht. Er trat auch als Instrumentenkundler und Musiktheoretiker maßgeblich in Erscheinung. Sein dreibändiges Werk Syntagma Musicum ist eines der wichtigsten Dokumente der Musiktheorie des frühen 17. Jahrhunderts. Ohne Gleichen ist insbesondere die geradezu enzyklopädische Zusammenfassung der damals bekannten Musikinstrumente. Ganz im Sinne der aufkommenden Naturwissenschaften und der Erkundung der Welt und im Geiste großer biologischer, zoologischer und botanischer Traktate trug Praetorius nicht bloß das Instrumentarium zusammen, das zu seiner Zeit gebräuchlich war, sondern er bemühte sich um eine „globale“ Perspektive. Detailliert beschreibt er exotische Trommeln, Flöten, Lauten, etc. und liefert in seinem beigefügten Bildband sogar Darstellungen der Objekte mit.

Für die heutige Musik, insbesondere für die historische Aufführungspraxis, ist das Syntagma von unschätzbarem Wert, liefert sie doch einen beinahe lebendigen Einblick in die Klangwelt der Zeit um 1600. Dennoch bleibt das Buch stets stumm – trotz der lebendigen Abbildungen. Im Rahmen eines Seminars zu Michael Praetorius im Sommersemesters 2015 an den Universitäten Augsburg und München haben die Studierenden versucht, dieser Stummheit etwas entgegenzusetzen. In einigen kleinen Videos, die zu verschiedenen Gelegenheiten, etwa bei einem Besuch in der Musikinstrumentensammlung des Deutschen Museums München erstellt wurden, wird versucht, Erfahrungen mit der praktischen Instrumentenerkundung nach außen zu tragen. Einige Seiten des Syntagma Musicum werden so zu neuem Leben erweckt.

Es handelt sich bei den Videos freilich um Schnappschüsse, die mit einer „professionellen“ Aufnahme keineswegs mithalten sollen. Wir begreifen unser Projekt vielmehr als echte Machbarkeitsstudie für ein zukünftiges Projekt.


Das Gamben-Consort, wie wir es in diesem Video sehen, war eine der am weitesten verbreiteten Formen des Ensemblespiels im 16. und 17. Jahrhundert. Praetorius schreibt über die Gambe:

Viole da gamba: […] Und haben den Namen daher, daß [sie] […] zwischen den beyden Beinen gehalten werden: Denn gamba ist ein Italianisch Wort, und heist ein Bein, legambe, die Beinen. Unnd dieweil diese viel grössere corpora, und wegen, des Kragens lenge, die Saiten auch ein lengeren Zug haben, so geben sie weit ein lieblichern Resonantz, Als die andern de bracio, welche uff dem Arm gehalten werden. (Michael Praetorius, Syntagma Musicum, Band 2, Wolfenbüttel 1619, S. 44)


Die Laute und ihre unzähligen Varianten waren insbesondere in der Hausmusik von Adeligen und Bürgern omnipräsent. Um Martin Luther spinnt sich der Mythos, er habe sich das Spielen der Laute selbst beigebracht. Die verschiedenen Bauarten der Lauteninstrumente veranlassen Praetorius zur Bemerkung: 

Also, daß endlichen acht, neun, ja bißweilen zehen, elff, und mehr Chorsaitten uff einer Lauten nunmehr gefunden werden. Wie aber der siebende, achte und neundte Chor zustimmen, ist hier nicht nötig zu schreiben: Denn ein jeder dieselbige zu seinem gefallen stellet und stimmtet, nachdem er sich angewehnet, oder der Gesang gesetzt ist, den er tractiren wil. Jetzo hat man meistentheils Lauten mit einem langen Kragen, der Theorben fast gleich, hat uffm Halse, doruff die Bünde liegen, (der Griff genant) 8. oder 7. Chormit doppelten Saiten, und anßwerts uff dem lengsten Theorbenkragen oder Halse, 6. einzelne Saitten, welche dann den Baß trefflich sehr zieren, und prangend machen. Und ist unter dieser Lauten und der Theorba kein sonderlicher unterscheyd, als daß die Laute uffm Griff und den Bunden, doppelte Saiten, die Theorba duurch und durch nur einfache Saitten haben: […]. (Michael Praetorius, Syntagma Musicum, Band 2, Wolfenbüttel 1619, S. 50)


Das Clavichord ist vielleicht das Leiseste aller Tasteninstrumente die zur Praetorius-Zeit gebräuchlich waren. Seine Mechanik erlaubt zwar nur eine sehr geringe Gesamtlautstärke, ermöglicht aber feine dynamische und musikalische Akzentuierungen. Praetorius betont in seinen Ausführung zum Clavichord vor allem die Abstammung des Instruments vom Monochord und verortet es damit in der Tradition der antiken Musiktheorie. Weiter schreibt er:

Eben also ist auch das Clavichordium, das Fundament aller Clavirten Instrumenten, als Orgeln Calvicimbeln, Symphonien, Spinetten, Virginall. etc. Doruff auch die Discipuli Organici zum anfang instruirt vund unterrichtet werden: Unter andern fürnemlich darumb, daß es nicht so grosse mühe und unlust gibt […], Sintemal die Saiten doselbst ungleich beständiger seyn und bleiben, als uff den Clavicymbeln oder Spinetten. Wie dann offtmals Clavichordia gefunden werden, so man in Jahr und Tag nicht stimmen darff: (Michael Praetorius, Syntagma Musicum, Wolfenbüttel 1619, S. 61)


Statt der heute gebräuchlichen italienischen Bezeichnung Cembalo, verwendet Praetorius im Syntagma den Terminus Calvicymbalum. Es sei ein „lenglicht Instrument“, das aufgrund seiner Form „von etlichen ein Flügel“ genannt werde. Gut gearbeitete und prunkvolle Musikinstrumente waren in der frühen Neuzeit – wie heute – eine Statussymbol. Das kann unter anderem am Instrument sehen, auf dem Felix Janssen im Deutschen Museum München spielen durfte. Das italienische Cembalo aus dem 16. Jahrhundert stammt aus den Beständen der Familie Fugger. Der Rahmen ist aufwendig dekoriert und die Tasten sind mit Perlmutt überzogen. Praetorius schreibt im Syntagma bewundernd über ein Instrument, das er in Prag gesehen hat:

Ich habe aber zu Prag bey dem Her. Carl Luyton, Röm. Käyserl. Maiestät vornenehmen Componisten und Organisten, ein Clavicymbel mit aequal Saitten bezogen, so vor 30. Jahren zu Wien gar sauber, und sehr fleissig gemacht worden, gesehen; (Michael Praetorius, Syntagma Musicum, Wolfenbüttel 1619, S. 63 f.)


Das Regal ist aus dem Konzertleben beinahe vollständig verschwunden. Als Orgelregister oder als Instrument des Charonte in Claudio Monteverdis Oper l’Orfeo ist es als Klangfarbe dennoch weiterhin präsent. Der charakteristische schnarrende Klang der Metalzungen war aufgrund seiner durchdringenden Kraft in der frühen Neuzeit eine mechanische Sensation. Praetorius widmet dem Instrument im zweiten Band seines Syntagma gut drei Seiten.

Besondern es [das Regal] kan auch, bald, mit vberlegung oder zuschiebung des Dechkels, gantz still; bald, wenn es wiederumb eröffnet wird, gar starcklaudent gemacht, also, daß es sich unter einer vollen wolbestälten Music von Vocalisten unnd Instrumentisten gar eigendlich gerausser vernehmen lest: Vnd also nicht allein in Fürstlichen Gemächern vor der Taffel vnd ander ehrlichen Conviviis, besondern auch in kleinen und grossen Kirchen fast besser als ein Positiff mit Lust angehöret und gebraucht werden. (Michael Praetorius, Syntagma Musicum, Band 2, Wolfenbüttel 1619, S. 72)

Für die Bereitstellung des Bildmaterials aus dem Theatrum Instrumentorum (Wolfenbüttel 1620) danken wir sehr herzlich der Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek München.

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