Geschichte wird geschrieben. Diese möglicherweise triviale Feststellung trifft freilich auch auf Musikgeschichte zu. Wissenschaftler und Musiker schreiben Musikgeschichte immer wieder neu. Dabei überarbeiten sie etabliertes Wissen und deuten es im Sinne ihrer Zeit um. Schnell wird ältere Forschungsliteratur als überkommen verworfen – und das obwohl sie nicht selten lohnende Einblicke gewährt. Wir erfahren nicht nur Wissenswertes über den Forschungsgegenstand, in unserem Fall Michael Praetorius, sondern auch über die Geisteswelt und das Umfeld des Wissenschaftlers und Interpreten. Mit der institutionellen Etablierung des Fachs Musikwissenschaft um 1900 beginnt auch die Praetorius-Rezeption im größeren Stil. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erscheint eine Reihe interessanter Publikationen rund um den Komponisten, von denen zwei in der Folge exemplarisch vorgestellt werden sollen.

Wilibald Gurlitts (1891–1963) im Jahr 1914 teilveröffentlichte Dissertation Michael Praetorius (Creuzbergensis) – Sein Leben und seine Werke ist die erste ausführliche Monographie über Michael Praetorius. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung befand sich Gurlitt in französischer Kriegsgefangenschaft, weshalb seine Doktorarbeit per Sondergenehmigung – obwohl sie nur unvollständig vorlag – angenommen wurde. Zunächst war geplant, den zweiten Teil der Dissertation zu einem späteren Zeitpunkt zu veröffentlichen, was jedoch nie umgesetzt wurde (Gurlitt 1914).

Der veröffentlichte Teil der Arbeit Gurlitts beschränkt sich auf eine Darstellung von Praetorius Biographie und folgt einem chronologisch narrativen Erzählstil. Gurlitt selbst schreibt am Ende des Buches: „Dabei sei nochmals betont, daß alle außerbio- und bibliographischen Bemerkungen, also Fragen musikanalytischer und stilkritischer Natur hier ausgeschaltet und dem zweiten Teile dieser Arbeit vorbehalten bleiben“ (Gurlitt 1914, S. 138). Die in der Einleitung auf insgesamt 35 Seiten dargelegte Biographie des Vaters Michael Schultheis (latinisiert: Praetorius) ist der Studie keineswegs zufällig vorangestellt. Die Darstellung der Verbindung des Vaters zu Martin Luther und anderen Gründungsvätern der lutherischen Konfession (wie etwa Johann Walter) dient der Legitimation von Michael Praetorius als unmittelbar von den Ideen Luthers geprägtem Musiker. Ihm sei das Lutheranertum, so Gurlitt, bereits in die Wiege gelegt worden. „Seinen religiösen Überzeugungen ist Michael Schulteis als strenger Lutheraner treu geblieben bis in den Tod.“ (Gurlitt 1914, S. 63).

Auch Wilibald Gurlitts weitere wissenschaftliche Karriere ist stark von einer tiefgreifenden Beschäftigung mit dem Werk von Michael Praetorius geprägt. Während seiner Zeit als Professor für Musikwissenschaft in Freiburg war er etwa am Bau der sogenannten Praetorius-Orgel maßgebend beteiligt. Diese wurde nach Plänen im Syntagma Musicum entworfen. Im Jahr 1937 wurde Gurlitt schließlich, vermutlich aufgrund fehlender Regimetreue, von den Nationalsozialisten aus seinem Amt entfernt (Gurlitt 1956, Sp. 1128 f.).

Ebenfalls in die Zeit des Nationalsozialismus fällt Robert Ungers Praetorius-Buch mit dem Titel: Die mehrchörige Aufführungspraxis bei Michael Praetorius und die Feiergestaltung der Gegenwart von 1941. Bemerkenswert ist, dass Ungers Buch sich nicht nur darauf beschränkt, den gewählten Forschungsgegenstand (die Mehrchörigkeit bei Praetorius) wissenschaftlich aufzuarbeiten, sondern auch die Person Michael Praetorius und die Mehrchörigkeit in Bezug zur NS-Zeit und zu einer nationalsozialistischen Ideologie setzt, von der seine Argumentation vollständig durchdrungen zu sein scheint. Dabei sieht Unger die nationalsozialistische Bewegung als Pendant zur protestantischen Reformation:

„Erst die Beobachtungen und Erfahrungen in unserer Zeit haben uns das sehnliche Anliegen des MPC [Michael Praetorius Creuzbergensis]: mit seinem Werk jeden Mann – von den fürstlichen Kapellen über die Stadtkantoreien bis hin aufs Land – voll zu erfassen, verstehen und recht würdigen gelehrt. Mit ihrem begeistert gesungenen Liede trug die nationalsozialistische Bewegung ihren mitreißenden Schwung und ihre kämpferischen Gedanken in das Volk, wie sich einst die Reformation nach dem Zeugnis ihrer Gegner ins Herz des Volkes sang, wie auch unsere auslandsdeutschen Volksgenossen sich im überkommenen Liedgut ihr Volkstum bewahrten und mit dem neuen Liede den Kampfgeist in ihren Reihen aufrüttelten“ (Unger 1941, S. 26 f.).

Die Person Michael Praetorius wird als Vorbildfigur im Sinne des Nationalsozialismus stilisiert. Unger beschreibt ihn in einer Kapitelüberschrift gar als „musikalische[n] Führer“ (Unger 1941, S. 228). Der zwangsläufige Vergleich mit Adolf Hitler bleibt nicht aus:

„Es kennzeichnet die Reife und Weite des Hofkapellmeisters, daß er […] den Abstieg von den Höhen der Kunst in den Alltag […] nicht verschmähte[.] […] Daß aber bei so volksverbundener Haltung weder Verengung des Blickfelds noch Lähmung der Tatkraft zu befürchten ist, wird unserer Zeit beispielgebend vorgelebt. In seinem „Kampf“ hat der Führer mit seiner Tat gezeigt, daß der Weg zu genialer Staatslenkung und weitausgreifender Schlagkraft bei den sogen. „Kleinigkeiten“ und „Nebensächlichkeiten“ in der Vorbereitung des großen Werkes beginnt“ (Unger 1941, S. 15).

Das Prinzip der Mehrchörigkeit bei Praetorius wird von Unger ebenfalls auf seine Zeit übertragen. Das dritte und letzte Kapitel seines Buches entwirft detailgenaue Pläne, wie sich Prinzipien mehrchörigen Musizierens auf die Musik bei Propagandaveranstaltungen von NS-Unterorganisationen anwenden lassen. Dass Gurlitts Dissertation für die nationalsozialistische Arbeit Ungers als eine Art Hauptquelle diente, darf aufgrund der Amtsenthebung Gurlitts als zynische Nebenerscheinung dieser Zeit gesehen werden.

Felix Janssen

Ausgewählte Literatur zu diesem Thema:

Wilibald Gurlitt, „Gurlitt“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 1. Ausgabe, hrsg. von Friedrich Blume, Band 5, Kassel u. a. 1956, Sp. 1128 f.

Willibald Gurlitt, Michael Praetorius (Creuzbergensis). Sein Leben und seine Werke, Leipzig 1915.

Robert Unger, Die mehrchörige Aufführungspraxis bei Michael Praetorius und die Feiergestaltung der Gegenwart, Wolfenbüttel und Berlin 1941.

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