Fragt man nach der Geschichte der automatischen Musik früherer Zeiten, kommt man an der Stadt Augsburg kaum vorbei. Die freie Reichsstadt galt um 1600 als Zentrum des Kunsthandwerks, von der Uhrmacherkunst, der Gold- und Silberschmiedekunst bis hin zur Herstellung von Orgeln und anderer Musikinstrumente. Arbeitsaufträge, für die unter anderem der Kaufmann Philipp Hainhofer eine zentrale Anlaufstelle war kamen von Fürsten, Kaisern und Königen aus ganz Europa (Lefeber-Morsman 2010, S. 7). Gleichzeitig war Augsburg Anziehungspunkt für zahlreiche Prominente Musiker der Zeit. Unter ihnen waren etwa Hans Leo Hassler (1564–1612) und Christian Erbach (1570–1635), die beide von der Bankiers- und Kaufmannsfamilie Fugger gefördert wurden.

Von einem Musikautomaten spricht man, wenn Schall oder Klang durch eine selbsttätige Bewegung des Instrumentes erzeugt wird. Insbesondere Uhrmacher, Orgel- und Instrumentenbauer besaßen das notwendige Knowhow Klang allein durch mechanische Mittel zu erzeugen (Wolf 2014, S. 411). Zu den bekanntesten Musikautomatenbauern gehörten unter anderem Samuel Bidermann (ca. 1540–1622), Hans Schlottheim (ca. 1545–1625), Achilles Langenbucher (gest. ca. 1650), Veit Langenbucher (ca. 1587–1631) und Hans Leo Hassler. Die Wege der automatischen Klangerzeugung waren schon damals bemerkenswert vielfältig. Eine der gängigsten Mittel war die Aufzeichnung einer Komposition auf einer Stiftwalze, wie sie noch heute aus Spieluhren bekannt ist.

Der Augsburger Domorganist Erasmus Mayr hatte bereits im Jahr 1576 während eines Aufenthaltes in Italien eine Wasserorgel besichtigt, und das Instrument später den Augsburger Instrumentenbauern vorgestellt. Dass der Bau von Musikautomaten in Augsburg schnell zu einem lukrativen Geschäftszweig wurde, zeigen zahlreiche in den Augsburger Archiven dokumentierte Gerichtsverfahren um Urheberrechte. Ein Team aus dem Komponisten Hassler, dem Uhrmacher Georg Heinlein und dem Tischler Konrad Eisenburger hatte in Augsburg um 1600 gemeinsam einen Musikautomat hergestellt. Kaiser Rudolf kaufte nicht nur diese mechanische Orgel, er gewährte Hassler sogar ein Patent. Als sich nun Eisenburger auf eigene Faust an die Herstellung einer automatischen Orgel machen wollte, kam es zum Rechtsstreit, über dessen Ausgang wir leider nicht informiert sind. Das Interesse Kaiser Rudolfs II. war trotz der Querelen ungebrochen und er bestellte immer wieder Instrumente in Augsburg. Auch andere Fürstenhöfe interessierten sich schon seit Längerem dafür, ihre Kunstkammern mit mechanischen Objekten auszustatten, die sich scheinbar von Geisterhand bewegten und darüber hinaus ohne menschliches Zutun Klang erzeugen konnten.

Einige Musikautomaten haben sich bis heute erhalten. Man kann sie etwa im Kunsthistorischen Museum Wien sehen. Der Minerva-Wagen von Achilles Langenbucher ist ein lebendiges Beispiel für die Faszination die Technologie und Mechanik auf die Menschen um 1600 ausübte. Der Automat steht gewissermaßen sinnbildlich für das Spannungsfeld zwischen „Antikensehnsucht und Maschinenglauben“, das der Kunsthistoriker Horst Bredekamp beschrieben hat.

Auch die Arbeiten von Hans Schlottheim, die das Kunsthistorische Museum gerade aufwendig restauriert und in kurzen Videos erschlossen hat, sind bemerkenswerte Zeugnisse dieser Vorstellungen. Der Trompeterautomat ist im Jahr 1582, das Wiener Schiff 1585 und der Bacchus-Wagen zwischen 1602 und 1606 entstanden. Bei all diesen Musikautomaten handelt es sich meist um Tischfahrzeuge. Während die Objekte sich über einen Tisch oder eine Tafel bewegen, ertönt Musik und kleine Figuren werden mechanisch bewegt. Es erklingen meist einfache Musikstücke mit freiem Rhythmus (Kowar 2013, S. 118–159). Die Walzen der Automaten sind wichtige Tondokumente einer zeitgenössischen improvisatorischen Musikpraxis. Musikautomaten waren aufgrund Ihrer aufwendigen Herstellung und der verwendeten Materialien sehr teuer und wurden unter anderem deshalb schnell zu einem Symbol weltlicher Macht – ein Umstand der vielleicht am stärksten in den verschiedenen Versionen der Schiffsautomaten zum Ausdruck kommt, die stellvertretend für die Herrschaft des Kaisers auf den Meeren gesehen werden können (Lefeber-Morsman 2010, S. 11).

Die Faszination für die Mechanisierung von Klang war nicht auf die Automatenkunst beschränkt, sondern kommt auch im wachsenden Interesse für den Bau von verschiedenartigen Tasteninstrumenten zum Ausdruck. Ebenfalls in der zweiten Hälfte des 1600 Jahrhunderts baute etwa der Nürnberger Instrumentenbauer Hans Heyden ein Geigenwerk, ein Instrument das auch die Aufmerksamkeit des Organisten Michael Praetorius erregte, der es seinem Syntagma Musicum ausführlich beschrieb.

Siao-Jing Cheng

Ausgewählte Literatur zum Thema:

Horst Bredekamp, Antikensehnsucht und Maschinenglauben. Die Geschichte der Kunstkammer und die Zukunft der Kunstgeschichte, Berlin 1993.

Helmut Kowar, „Wir machen Musik!“, in: Jahrbuch des Kunsthistorischen Museums Wien, Band 13/14 (2013), S. 118–159.

Marieke Lefeber-Morsman, „Augsburger Instrumentenbauer und ein Augsburger Spinett in St. Petersburg“, in: Das mechanische Musikinstrument: Journal der Gesellschaft für Selbstspielende Musikinstrumente e. V., Band 109 (2010), S. 7–14.

Rebecca Wolf, „Musikautomaten“, in: Akustische Grundlagen der Musik, hrsg. von Stefan Weinzierl, Laaber 2014, S. 409–432.

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