Martin Luthers Einfluss auf die deutsche Sprache

Frontispitz der Lutherbibel von 1541
Frontispitz der Lutherbibel von 1541

Während die Dialekte im deutschen Sprachraum heute immer weiter verdrängt werden, gehörten sie vor einigen Jahrhunderten noch ganz selbstverständlich zum Alltag. Und während wir uns heute gut über dialektale Grenzen hinweg verständigen können, hatten Menschen aus Süddeutschland und aus dem Norden vor wenigen Jahrhunderten oftmals größere Verständnisprobleme. Durch die Erfindung des Buchdrucks und die überregionale Verbreitung identischer Bücher wurden Autoren und Herausgeber mit dem Problem einer innerdeutschen Sprachhürde konfrontiert und zum Handeln gezwungen. Der Ansporn stieg, eine einheitliche deutsche Sprache zu etablieren.

Eine Pionierarbeit lange vor Konrad Duden leistete Martin Luther mit der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Für ihn lag die Lösung des Problems auf der Hand: Einfache und vor allem auch bildhafte Sprache macht den Text für mehr Menschen verständlich. Elf Wochen schrieb er im Herbst 1521 in seiner Arbeitskammer hinter den schützenden Mauern der Wartburg, vom Kaiser geächtet und verfolgt, versteckt unter dem Namen Junker Jörg. Wie besessen habe er immer wieder an der Sprache gefeilt und soll laut der Legende sogar eine Begegnung mit dem Teufel gehabt haben. Nun war die Bevölkerung des deutschen Sprachraums endlich in der Lage, die vorher in lateinischer Sprache verfassten Texte selbst zu verstehen.

Das Buch verkaufte sich, wie auch die anderen Schriften des Reformators, ausgesprochen gut und wurde zum ersten echten Bestseller. Luther schrieb damit Geschichte und schaffte es, dass wir seine bildhafte Sprache noch heute gebrauchen. So stammen beispielsweise Begriffe wie Machtwort, Feuereifer und Gewissensbisse aus seiner Feder. Sie sind Teil des Systems für seine Übersetzungen, machen sie unverkennbar und lebendig. In einem Brief an seinen Freund Georg Spalatin, Hofkaplan von Friedrich dem Weisen, „präzisiert Luther die Grundsätze, die beim Übersetzen zu beachten sind: keine »neumodischen und höfischen Ausdrücke« (»novas et aulicas voculas«), dafür möglichst einfache und allgemein verständliche, »reine« (»munda«) und für den Gesang geeignete Wörter; eine klare, möglichst getreue Wiedergabe der Psalmenvorlage“ (Walz 1988, S. 31).

Gut sichtbar wird das an seiner Übersetzung des berühmten Psalms 23, in welchem Gott mit einem Hirten verglichen wird. Ein Blick auf die wortwörtliche Übertragung des hebräischen Ursprungstextes erklärt schnell, warum Luther in seiner Übersetzung ein anderes System verfolgte. Wo es dort nämlich heißen würde: „Auch wenn ich gehen werde im Tal (des) Todesschattens, nicht werde ich fürchten Böses“, schreibt Martin Luther: „Und ob ich schon wandert im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück“. Er verwendet damit eine Formulierung, die der breiten Bevölkerung einen einfacheren Zugang zur Verständlichkeit dieser Schriften möglich macht. Auch gleich zu Beginn des Psalms zeigt sich, wie kompliziert die Originalschrift verfasst wurde. Während dort zu lesen ist: „Jahwe (ist) mein Hütender. Nicht werde ich entbehren Mangel leiden“, hält der Begründer der Reformation in seinen Schriften fest: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Besch 2014, S. 46 f.).

(Ein Psalm Davids.) Der HERR ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf grüner Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. (Psalm 23, Luther 1545)

Eine weitere Besonderheit findet sich in manchen seiner eigenen Texte wieder. „Ordnet man die Zeilen symmetrisch um eine Mittelachse und setzt für jede Silbe einen Gedankenstrich, werden Figuren erkennbar, die R. J. Eichberg (1904) auf Kirchengeräte bezog (flache Schüsseln als Ciborien oder Patenen, Taufbecken, Kelche, Leuchter, Kreuze). Von fünf Lutherliedern, die Eichberg heranzieht, deutet er zum Beispiel die Strophenform des Liedes Ein feste Burg als Taufbecken (Walz 1988, S. 40). Da sich dieses Phänomen konsequent durch alle Strophen zieht, ist durchaus denkbar, dass Luther dieses Detail absichtlich eingebaut hat.

Ebenso beeindruckend und vermutlich auch bewusst eingesetzt sind Zahlenordnungen, die unter anderem im Text zu Christ lag in Todesbanden auftauchen. Bei diesem Osterlied fällt zunächst die Häufigkeit der Zahl 7 auf. Sie spiegelt sich nicht nur in Strophen- und Zeilenzahl, sondern auch in der Anzahl der Silben je Zeile. Traditionell steht sie für die Vollendung und ist außerdem nach der Geschichte der Entstehung der Welt auch die Zahl Gottes. Wenn man die Zahl 7 mit sich selbst multipliziert, erhält man die Zahl 49, welche für die 49 Tage der Osterzeit steht. Das Wort „Halleluja“, welches den Abschluss jeder Strophe markiert, besteht zudem aus 4 Silben. Mit der Bedeutung der Zahl 4 als Zahl der Welt verbunden mit der Wortbedeutung von „Halleluja“ ruft der Autor  vermutlich die Welt dazu auf, den Herren zu loben (vgl. Walz 1988).

„Auch wenn Luther sich selbst nicht für einen Dichter gehalten hat […], sein an der Bibelübersetzung und vielen Prosaschriften geschultes Sprachtalent ist unbestritten.“ (Walz 1988, S. 38) Die Beispiele zeigen, mit welcher Sorgfalt und Liebe zum Detail Martin Luther seine Texte selbst geschrieben oder übersetzt hat. Außerdem versah er sie mit einer Fülle von Wörtern, die Lebendigkeit und Ausdruckskraft besitzen. Bilder, die sich jedem Menschen sofort erschlossen und die auch in der heutigen Zeit ihre Verständlichkeit nicht verloren haben. „Die rhetorische Meisterschaft kann man besonders den literarischen Originalschöpfungen Luthers nachsagen, darunter den programmatischen und den Kampfschriften (zum Beispiel: An den christlichen Adel deutscher Nation, 1520), die eine ungeheure Resonanz erzeugten und Luther zu einem der erfolgreichsten Autoren der älteren Jahrhunderte machten“ (Jeßing; Lutz 2010. S. 522).

Michael Praetorius kam mit den Werken des Reformationsbegründers über seinen Vater in Kontakt. Es war Luthers Bestreben, der Musik einen größeren Platz in der Kirche einzuräumen, weshalb Praetorius alte Vorreden in seine eigenen Musikdrucke aufnahm: Ein weiteres Vermächtnis des historisch einflussreichen Mannes Martin Luther.

Thomas Metschl

Ausgewählte Literatur zum Thema:

Herbert Walz, Deutsche Literatur der Reformationszeit. Eine Einführung (=Germanistische Einführung in Gegenstand, Methoden und Ergebnisse der Disziplinen und Teilgebiete 6), Darmstadt 1988.

Werner Besch, Luther und die deutsche Sprache, Berlin 2014.

Benedikt Jeßing; Bernd Lutz (Hrsg.), Metzler-Lexikon Autoren, 4. Auflage, Stuttgart und Weimar 2010.

Auf dem Server des Münchener Digitalisierungszentrums finden Sie verschiedene Fassungen der Lutherbibel aus dem 16. Jahrhundert.

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