Herzog Heinrich Julius von Wolfenbüttel

Seit der Antike wird Musik immer wieder für politische Zwecke instrumentalisiert: Parteitage, Wahlveranstaltungen, Militärparaden – zu all diesen Anlässen wurde und wird noch heute auf dem ganzen Globus Musik zu politischen Repräsentationszwecken genutzt. Zur Schaffenszeit Michael Praetorius im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert waren Musik und Politik institutionell fest miteinander verbunden. Die symbolische Kraft von Festen und Zeremonien wurde durch die musikalische Untermalung von Hofkapellen und Hoftrompeter intensiviert und gefördert.

Ein zentrales Element der politischen Auseinandersetzungen jener Zeit waren die Konflikte zwischen den Konfessionen. Musik wurde zum theologischen Streitpunkt zwischen den verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen, aber auch zu einem tragenden Mittel der Verbreitung der Reformation. Im Kontext der Reformationsstreitigkeiten steht etwa die Motette – Ecce quam bonum (Psalm 133), von Ludwig Senfl, die dieser anlässlich der Ankunft des Kaisers auf dem Augsburger Reichstag von 1530 erklingen ließ.

Wie ist Michael Praetorius in das Spannungsfeld zwischen interkonfessioneller Verständigung und konfessionellem Konflikten einzuordnen? Der in Creuzburg um 1571 geborene Komponist Praetorius war fast während seiner gesamten musikalischen Laufbahn Mitglied der Wolfenbütteler Hofkapelle. 1604 übertrug Herzog Heinrich Julius ihm das Amt des Hofkapellmeisters. Heinrich Julius, postulierter Bischof von Halberstadt, Herzog von Braunschweig und Lüneburg und Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel war ein äußerst kunstsinniger Fürst, der eine bemerkenswerte Faszination für eine prunkvolle Hofmusik zeigte, wie sie an den katholischen Höfen der Habsburger und Wittelsbacher gepflegt wurde. Praetorius fand in ihm einen einflussreichen Förderer. Neben dem Herzog übte auch dessen Gattin Elisabeth von Dänemark prägenden Einfluss auf das Schaffen von Praetorius aus. Die streng lutherische dänische Herzogin wird als Mitverantwortliche für die Veränderungen gesehen, die sich im Laufe der neunbändigen Reihe Musae Sioniae vollziehen. Hier findet eine Rückbesinnung auf musikalische Einfachheit statt. An die Stelle großangelegter mehrchöriger Kompositionen treten in den Bänden sechs bis acht einfache vierstimmige Kantionalsätze, die auch in gewöhnlichen Stadt- und Landkirchen aufgeführt werden konnten (vgl. Forchert 1981).

Eine ganz konkrete politische Verwendung von Praetorius Kompositionen lässt sich im Zusammenhang mit dem Eröffnungsgottesdienst des Naumburger Fürstenkonvents im Jahr 1614 erkennen. Zusammen mit dem lutherischen Theologen und sächsischen Oberhofprediger Matthias Hoë von Hoënegg wählte er für die Predigt des Eröffnungsgottesdienstes am 30. März 1614 den Psalm 133 aus („Siehe, wie fein und lieblich ist’s, dass Brüder einträchtig beieinander wohnen“). Komponist und Theologe knüpften womöglich ganz bewusst an die Motette Senfls an, die in der lutherischen Erzählung fest mit dem Augsburger Bekenntnis von 1530 verbunden war.

Praetorius vierchöriger Satz diente der Untermalung Hoë von Hoëneggs Predigt. Hoë von Hoënegg nutzte die „herrliche Musica“ als Parabel für brüderliche Eintracht, indem er die Anmut der Harmonie, die mehrere Stimmen durch einen Verbund im Chor erzeugen können, mit der Schönheit von Brüderlichkeit und Gemeinschaft verglich. Praetorius erzielte eine außergewöhnliche Wirkung durch die hochkarätige Besetzung mit Dresdener Hofsängern und ihrer gleichsam im Kirchenraum verteilten Aufstellung. Unterstützt wurde diese Wirkung im besonderen Maße durch den konzertanten Stil der Kompositionen, der für Praetorius eigenes Schaffen und im mitteldeutschen Raum allgemein weitestgehend unbekannt war. Von dieser und weiteren großformatigen und mehrchörigen Choralbearbeitungen des Hofkapellmeisters berichtet der spätere Naumburger Stadtvogt Gottfried Staffel, „dass einem das Hertz im Leibe vor Freüden hette lachen mögen, in Summa: ich halte darvohr, mancher darin gewesen, so solches seiner Tage nicht gehört“ (Schmidt 2012, S. 649).

Die Musik im Rahmen der Naumburger Festgottesdienste wurde zum Träger lutherischer Theologie. Praetorius Kompositionen waren, „als funktional eingebundene Auftragskunst, wie das gesprochene Wort in der Predigt, ein persuasives Mittel zur Selbstinszenierung von Kursachsens Anspruch auf die Führungsposition unter den evangelischen Reichsständen“ (Schmidt 2012, S. 651). Seine Musik zum Naumburger Fürstenkonvent stellte ein wichtiges ästhetisches und machtpolitisches Mittel dar, welches „die kursächsische Interpretation von politischer Einigkeit wirkungsvoll inszenierte“ und neben Hoë von Hoëneggs gedruckter Predigt dazu diente, Kursachsens politische Bedeutung über die eigenen Grenzen hinaus vorzuführen (Schmidt 2012, S. 674).

Janghee Choi

Ausgewählte Literatur zum Thema:

Arno Forchert, „Michael Praetorius und die Musik am Hof von Wolfenbüttel“, in: Predigt und soziale Wirklichkeit. Beiträge zur Erforschung der Predigtliteratur, hrsg. von Werner Welzig, Amsterdam 1981, S. 625–642.

Beate Agnes Schmidt, „Musik im Kontext dynastischer und konfessionspolitischer Entscheidungen. Michael Praetorius und der Naumburger Fürstenkonvent von 1614“, in: Musik – Politik – Ästhetik. Detlef Altenburg zum 65. Geburtstag, hrsg. von Axel Schröter, Sinzing 2012, S. 649–674.

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